Vier Phasen, ein Ziel.
Ein Klient hat mir vor einigen Monaten etwas gesagt, das mich erst überrascht hat.
Er sagte, seine Leidensbereitschaft sei nicht besonders groß.
Ich habe kurz überlegt, was ich damit anfangen soll. Wer aus dem Sport kommt, kennt das Gegenteil als Selbstverständlichkeit: Anstrengung gehört dazu, manchmal tut es weh, und genau da passiert der Fortschritt. Das war auch meine Welt.
Aber dann habe ich nachgedacht. Und gemerkt, dass er mir gerade etwas Wichtiges gesagt hat.
Mein System darf das nämlich nicht voraussetzen.
Was ich als Erstes tue
Bevor jemand bei mir eine einzige Kniebeuge macht, passiert etwas anderes: ein ausführliches Gespräch. Kein Fitness-Assessment.
Ein echtes Gespräch. Was willst du? Was hast du schon probiert? Warum hat das bisher nicht nachhaltig geklappt? Und vor allem: was steckt hinter dem, was du mir sagst?
Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht. Wer zu einem Trainer geht, erwartet meistens einen Trainingsplan. Ich interessiere mich mehr für das Ziel hinter dem Ziel.
Denn wer mit 53 wieder beweglicher werden will, will meistens nicht Beweglichkeit. Er will Energie. Er will morgens aufstehen können ohne die erste Viertelstunde Anlauf zu nehmen. Er will Wandern gehen, ohne danach drei Tage flachzuliegen.
Das macht den Unterschied im Training. Wer das weiß, trainiert anders.
Was Training bei mir bedeutet
Ich kombiniere funktionelles Krafttraining mit Ausdauerarbeit. Das klingt nicht aufregend. Ist es auch nicht. Es ist das, was funktioniert.
Vor dem Training steht immer Mobility. Kein Warm-up im Sinne von drei Minuten Crosstrainer, sondern echte Gelenkarbeit bevor der erste Reiz gesetzt wird. Wer das überspringt, trainiert auf einem Fundament das langsam bröckelt.
Ich schaue zuerst: wo sind die körperlichen Baustellen? Was fehlt, was schmerzt, was hat jahrelang zu wenig Aufmerksamkeit bekommen? Dann gibt es zwar ein Ganzkörperprogramm, aber mit Schwerpunkten. Das ist der Therapeut der da durchkommt. Dreißig Jahre Praxis hinterlassen eine bestimmte Art, einen Körper zu sehen.

Was Training allein nicht kann
Ich habe lange geglaubt, der Unterschied zwischen guten und schlechten Trainern liegt in den Übungen.
Das stimmt nicht.
Ein paar Grundübungen, die konsequent und richtig ausgeführt werden, bringen mehr als jede abwechslungsreiche Einheit die nie zur Gewohnheit wird. Wer drei Monate mit grundsoliden Bewegungen dabei bleibt, ist weiter als jemand der einmal im Quartal ein neues Programm startet.
Was den echten Unterschied macht, sind die Stellschrauben drumherum. Regeneration, Schlaf, Ernährung. Wie jemand mit Stress umgeht. Was er sich sagt, wenn er drei Tage nicht trainiert hat. Ob er ein Alternativprogramm für schlechte Tage hat, oder ob ein schlechter Tag direkt zu einer schlechten Woche wird.
Das ist der Teil den ich in meinen ersten Jahren als Trainer zu wenig beachtet habe. Ich wollte gute Bewegungsabläufe zeigen. Das war mir wichtig. Aber der Klient der tolle Übungen kennt und sie trotzdem nicht macht, hat nichts davon.
Was für Menschen ab 50 besonders gilt
Wer über fünfzig ist und wieder anfängt zu trainieren, bringt manchmal den Drang mit, alles schnell nachzuholen. Oder im Gegenteil: die Angst, etwas falsch zu machen.
Beides kann bremsen.
Was ich gelernt habe: Progression ist wichtig, aber nicht bei jedem Training. Es gibt Tage, da ist die Energie unten, der Kopf voll und der Körper schwer. An solchen Tagen ist es nicht das Ziel, zwei Kilogramm mehr draufzulegen als letzte Woche. Das Ziel ist, das Muster aufrechtzuerhalten. Auch wenn es nur zwanzig Minuten sind. Auch wenn es ein verkürztes Programm ist. Auch wenn es nur darum geht, sich kurz mit dem eigenen Körper zu verbinden, Stress abzubauen oder einfach besser draufzukommen.
Wer das versteht, bricht nicht mehr ab wenn eine Woche schwierig war. Er macht einfach weiter.
Wie das Ganze zusammenkommt
Mein Konzept heißt Vital Movement und folgt vier Phasen.
Zuerst die Analyse: wirklich verstehen, wo jemand steht und was er braucht. Dann das Training, angepasst an die individuellen Baustellen. Dann die Stellschrauben: alles was drumherum zählt, vom Schlaf über die Ernährung bis zur Frage, wie jemand mit Rückschlägen umgeht. Und schließlich die Integration: wie wird das Gelernte so im Alltag verankert, dass man irgendwann nicht mehr drüber nachdenken muss?
Das vierte Element ist das wichtigste. Und das, was im Personal Training häufig zu kurz kommt.
Zurück zu dem Klienten mit der niedrigen Leidensbereitschaft.
Er trainiert heute regelmäßig, kann sich jetzt auch fordern und fühlt sich gut damit. Aber das war kein Plan. Es ist das, was passiert, wenn ein System zu jemandem passt und nicht umgekehrt.
Das ist der Unterschied.







